Wer gehört eigentlich zur Familie?

Heutzutage wird Weihnachten oft als "Fest der Familie" definiert. Das sieht man auch am Heiligen Abend in der Kirche, wenn Junge und Alte, Familien und Singles dicht gedrängt auf den Bänken sitzen. Man delegiert ein Familienmitglied schon lange vor Beginn in die Kirche, um gute Sitzplatze zu erhaschen für den Rest der Familie.

Wer gehört eigentlich zur Familie?

Wenn ich dir diese Frage stelle, was würdest du mir antworten? Vielleicht: mein Ehepartner und unsere Kinder. Und was ist mit euren Eltern? Was ist mit euren Geschwistern? Was mit den Großeltern, Nichten, Neffen, Cousins, Cousinen, Enkeln, Urenkeln? Gehören die auch zur Familie? Wer kommt zu euren Familienfesten? Nur die, die sonst auch gemeinsam am Abendbrottisch sitzen, oder ist es doch eher eine große fröhliche Runde? Und wenn dieses Fest noch ein besonderes ist, ein runder Geburtstag, eine Hochzeit, ein Schulanfang oder eine Konfirmation? Gehst du hin, auch wenn Onkel Franz nach dem dritten Bier immer anfängt die gleichen alten Seemannslieder zu schmettern oder Oma Hilde die altbekannten Geschichten aus der guten alten Zeit erzählt? Bleibst du zu Hause, weil du weißt, die Enkel toben lautstark um die Tische und wenn die Jugend dann noch laut Musik anstellt, um zu tanzen? Diese Fragen stelle ich mir immer wieder, wenn wir in unserer Gemeinde einladen zum gemeinsamen Feiern. Quirlig bunt geht es zu auf Gemeindefesten und auch manchmal recht laut. Gemeinsam feiern Jung und Alt, Groß und Klein, Familien und Singles. Das ist schön und zeigt, dass wir als Gemeinde eine große Familie sind. Doch feiern wir nicht auch Sonntag für Sonntag als Gemeinde Gottesdienst? Da plötzlich definieren wir Familie ganz anders. Zum Familiengottesdienst sollen doch bitte schön die jungen Familien mit den kleinen Kindern gehen. Da geht es in der Kirche viel zu laut und unruhig zu. Zur Jubelkonfirmation dürfen die Älteren gern unter sich bleiben. Das dauert doch ewig, wenn die alle aufgerufen werden. Die Jugend will auf einmal im Gottesdienst Lobpreismusik machen? Reicht denen dazu nicht der Jugendgottesdienst? Jeder hat seine Vorlieben und Befindlichkeiten. Auf einem Familienfest halten wir das aus, aber in unserer Gemeindefamilie sind wir nicht so einfach bereit, den anderen zu ertragen. Dabei geht es gar nicht so sehr um das Ertragen, als vielmehr um das Mittragen. Der Gottesdienst ist ein Ort, wo wir gemeinsam Anteil nehmen am Leid des anderen. Auch wenn wir ihn nicht persönlich kennen und tröstende Worte sagen. Aber wir tragen sein Leid durch unsere Anwesenheit und die gemeinsame Fürbitte. Wir nehmen Anteil an der Freude, wenn wieder eine Taufe im Gottesdienst stattfindet, eine Trauung abgekündigt wird. Garantieren sie doch das Fortbestehen der Gemeinde. Wir zeigen den Älteren unsere Ehrerbietung, wenn wir zu ihren Jubiläen anwesend sind. Vielleicht können sie nicht mehr so viel leisten und mithelfen, aber viele von ihnen können uns Vorbild sein mit ihrem Glaubensleben, wenn wir uns auch mal Zeit nehmen und ihnen zuhören. Wir zeigen den Kindern unsere Wertschätzung, wenn sie etwas aufführen, singen, musizieren. Sie sehen, dass sie in der Gemeinde willkommen sind und keinesfalls zu klein oder zu gering, um ihren Beitrag zu leisten. Nur so können sie auch in der Gemeinde Heimat finden und Wurzeln schlagen und selbstbewusst zu ihrem Glauben stehen. Wir respektieren die Jugendlichen in ihrem Engagement, den Gottesdienst und das Gemeindeleben zu bereichern. Wir wünschen uns doch, dass sie in der Gemeinde bleiben. Wir sind stolz auf unsere Chorsänger und Instrumentalisten, die viel Zeit investieren, um mit ihren wunderbaren musikalischen Einlagen eine einmalige Atmosphäre in den Kirchenraum und den Gottesdienst zu bringen. Wir gehen gemeinsam zum reich gedeckten Tisch des Herrn, mit denen, die zu Hause nur alleine am Tisch sitzen, mit denen, deren Tisch nicht so reich gedeckt ist, mit denen, wo es eher laut und wuselig bei Tisch zugeht. Wir laden die ein, die auf der Suche sind. Glaubst du, sie kommen wieder, wenn in der Kirche beim Gottesdienst nur eine Handvoll Leute sitzt? Und wenn wir die Augen und Herzen offen halten, bemerken wir auch unseren Nächsten, der vielleicht gerade an diesem Sonntag meine persönliche Hilfe nötig hat. So sollte es doch zugehen in einer Familie. Einer ist für den anderen da. Und in unserer Gemeindefamilie hast auch du deinen Platz als Oma, Opa, Onkel, Tante, Mutter, Vater, Sohn, Tochter, Enkel oder Enkelin. Und doch bleiben Sonntag für Sonntag viele Plätze leer. All diese Gedanken führen mich zu der einen Frage: Müsste es nicht eigentlich an jedem Sonntag in unserer Kirche wie beim Weihnachtsgottesdienst sein?


Eine gesegnete Advents- und Weihnachtszeit wünscht Ihnen Ihre Diakonin Sylvia Freitag